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Marion Dirks - Reden


Rede auf dem Volkstrauertag in Billerbeck
am 14. November 2004

"Die unwandelbare Freundschaft und der ewige Friede zwischen den Völkern - sind das denn Träume?", fragte der deutsche Ludwig Börne fast 100 Jahre vor dem ersten Weltkrieg. Seine Antwort: "Nein, der Hass und der Krieg sind Träume, aus denen man einst erwachen wird."

Sehr geehrte Damen und Herren,

Wir gedenken heute der Toten der Kriege und der Gewaltherrschaft, wir Gedenken der Opfer von Terrorismus, Rassismus und politischer Verfolgung, Wir begehen heute in ganz Deutschland den Volkstrauertag. Dieser nationale Trauertag ist 1952 an die Stelle des Heldengedenktages getreten, der nach dem ersten Weltkrieg eingerichtet worden war.

Mit dem Inhalt des heutigen Tages hat sich in den vergangenen Jahrzehnten auch das Gedenken verändert - nicht aber die Wünsche und Hoffnungen der Menschen, die mit dem Volkstrauertag eng verbunden sind.

Spätestens die Ereignisse vom 11. September 2001 haben uns gezeigt, dass wir noch lange nicht aus dem Albtraum erwacht sind. Nach dem menschenverachtenden Terrorschlag waren wir fassungslos. Kriege auf dem Balkan, in Afghanistan und im Irak. Terroristen, die selbst wehrlose Kinder für ihre verbrecherischen Zwecke nutzen – das Grauen verfolgt uns Tag für Tag.

Umso mehr, weil wir glaubten, seit über 50 Jahren im Frieden zu leben. Jetzt hat der Terror uns eingeholt, er zielt direkt auf uns, auf unser Umfeld, auf die Welt, in der wir leben.

Dennoch leben wir derzeit in einem Land ohne Krieg. Aber leben wir denn im Frieden? Wohl nur auf den ersten Blick, zum Frieden will es bei uns immer noch nicht reichen. Gewalt in Familien, auf den Schulhöfen und auf den Autobahnen. Unter der Tünche der Zivilisation ist "der Mensch immer noch des Menschen Wolf."

Das Spektrum der Gewalt reicht vom schonungslosen Konkurrenzkampf in der Wirtschaft, Mobbing am Arbeitsplatz, bis hin zur sozialen Ausgrenzung bis zum Argwohn allen gegenüber, die anders sind. All dies hinterlässt eine breite Spur des Unfriedens in unserem Land. Das Aggressions-, Gewalt- und Konfliktpotenzial sucht sich Wege und Ziele. Die Kriegsbilder sind von der Wand genommen, aber es finden jede Menge anderer Schlachten statt.

Heute eskalieren Terrorakte zwischen verschiedenen Gruppierungen, die nicht mehr unbedingt identisch sind mit einem Staat oder Volk.

Ein Attentat wird als Legitimation gewertet für einen gewaltsamen Gegenschlag. Das führt uns vor Augen, dass es auch international noch keinen Frieden für alle Völker und Menschen gibt. Und wir tragen Verantwortung. Wir können nicht in Frieden leben, wenn wir nicht für eine gerechtere Verteilung der Schätze der Erde sorgen. Denn auch ein gewisses Maß an Wohlstand gehört zum Frieden. Solange Kinder nicht zur Schule gehen und stattdessen von Fabrik- oder Plantagenbesitzern ausgebeutet werden, ist kein Frieden in Sicht.

Es ist schon lange an der Zeit umzukehren. Es geht hier nicht nur um kleinere oder größere Verbesserungen im gemeinschaftlichen oder persönlichen Leben. Nicht nur darum, die Zügel straff zu ziehen, um das atemlos dahinpreschende Leben zur Richtungsänderung zu zwingen.

Wir müssen innehalten und uns besinnen. Besinnen heißt, die Erinnerung wachrufen und aus ihr lernen: Was haben wir getan – als Volk oder als Gesellschaft für die Eine Welt. Bemühen wir uns um Frieden für alle – oder reicht uns unsere eigene Zufriedenheit? Trauer und Schuldgefühle zuzulassen ist zwar schwer, aber notwendig, damit wir rechtzeitig die Warnzeichen und Wegweiser sehen. Damit wir die Rufer hören und ihnen zuhören, statt achtlos über sie hinwegzupreschen.

Meine Damen und Herren, "der Friede zwischen den Völkern" ist ein großer Traum. Wir Europäer haben hier in Europa gezeigt, dass aus Träumen Wirklichkeit werden kann. Gerade konnten wir den 15. Jahrestag des Mauerfalls begehen. Wenn wir es wirklich wollen, werden wir auch eine friedliche Gesellschaft leben können. Wenn wir Anderssein zulassen, wenn wir lernen zu teilen, wenn unser Selbstbewusstsein es zulässt, großzügig zu sein. Zeigen wir, dass Hass und Gräben überwunden werden können. Treten wir ein für Frieden und Solidarität im eigenen Land. Übertragen wir diese Einstellung auf unsere Haltung in der Völkergemeinschaft.

Wir haben den Nationalismus überwunden und auch die menschenverachtende Form des Kommunismus. Auch der brutale Kapitalismus ohne Steuerungsmechanismen kann unser Maßstab nicht sein. Weder national noch international. Damit unsere Welt aus dem fürchterlichen Traum des Krieges und des Hasses erwacht.

Marion Dirks

Weihgarten 2
48727 Billerbeck

Telefon 02543 25260
Telefax 02543 25261
info@mariondirks.de

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